
Mit dieser spannenden Fantasy-Kurzgeschichte reist du für einen Kurztrip ins Europa der Kreidezeit vor 66 Millionen Jahren.
Du triffst dort nicht nur auf Saurier – sondern auch auf Menschen, die wie in der Altsteinzeit leben.
Angriff des Flugsauriers
Bedrohung
»Bald sind wir da.« Drakan nickte dem Jungen an seiner Seite aufmunternd zu.
»Und dann werden wir voll beladen in die Ansiedelung zurückkehren.« Frohgemut rückte Lako den Tragekorb auf seinem Rücken zurecht. »Mit so vielen Lebensnüssen, wie wir tragen können.«
»Genau.« Nachdenklich strich Drakan sich durch seine braunen, halblangen Haare. Obwohl er sich seinem jugendlichen Gefährten gegenüber heiter gab, empfand er Beklemmung. Der Bursche durfte zum ersten Mal ihn und die anderen drei Männer zum Sammelort der nahrhaften Nüsse begleiten, aber Drakan war bereits oft dort gewesen. Deshalb fürchtete er … Sein Blick schweifte zu Orim. Gewiss teilte der weißhaarige Mann seine Sorge, doch Orim ließ sich ebenso wenig anmerken, wie er über ihr Vorhaben dachte.
Immerhin gelangten sie unbehelligt von Raubsauriern durch den Wald zum Sumpf, in dem auf einer Lichtung nicht nur die Lebensnüsse gediehen, sondern der auch das bevorzugte Jagdgebiet der Gelbkämme war. Diese Flugsaurier galten als heilig, und unter Orims Führung widmeten Drakan und seine Gefährten ihr Leben, um sie als Wächter zu beschützen.
Zu Drakans Erleichterung schien im Sumpf alles ruhig zu sein. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, zählte er nach: Alle acht der Saurier mit dem gelben Kamm am Kopf hielten sich hier auf. Sie staksten von Wasserloch zu Wasserloch, nahmen einige Schlucke und schnappten nach kleinen Tieren. Die Ankunft ihrer Wächter ließ sie aufblicken, doch sie kannten diese Männer, also widmeten die meisten sich wieder dem Beutefang.
Aber einer der Saurier kam zu ihnen, auf der Suche nach Streicheleinheiten. Drakan strich dem Tier über den flaumbedeckten langen Hals. Die Gelbkämme waren nur wenig kleiner als Menschen, was Drakans Empfinden nach das Vertrauen der Flugsaurier förderte. Für seinen Stamm hingegen war die helle Farbe des Kamms bedeutsamer, weil dies die Verbundenheit der Tiere mit der Macht der Sonne verdeutlichte.
Allerdings hatte die Kraft des Himmelslichtes in den letzten Generationen abgenommen, und im kühleren Wetter gediehen die Lebensnüsse immer schlechter. Umso wichtiger war es, dass Drakan und die anderen Wächter die Flugsaurier beschützten und für ihr Wohl sorgten. Nur dadurch konnten sie die Sonne stärken.
Drakan sah zu den Nusssträuchern. Sie hingen voller Früchte, wie es um diese Zeit sein sollte. Das war gut. Er atmete auf. Allerdings … Beunruhigt runzelte er die Stirn und trat zu den Abdrücken, die sich im weichen Erdboden abzeichneten.
Schrecken durchzuckte ihn.
Drakan blickte zu Orim und wies auf die Spuren. »Arkantoren«, verkündete er düster. Diese Raubsaurier vermochten mit ihrem gewaltigen Gebiss leicht, einen Menschen in Stücke zu reißen.
»Nein …« Lako erblasste. »Die kommen doch sonst nie hierher, habt ihr gesagt!«
»Selten«, stimmte der Alte zu. Auch er begutachtete die Abdrücke. »Den Spuren nach sind sie schon vor einer Weile hier gewesen, also kein Grund zur Sorge.«
»Trotzdem …« Der junge Mann blickte sich furchtsam um. »Was, wenn sie zurückkommen?«
»Unwahrscheinlich.« Orim winkte den schlaksigen Krato und den untersetzten Tanur zu den Nusssträuchern. »Füllt die Körbe.«
Auch Drakan pflückte eine gelbbraune Frucht nach der anderen und legte sie in seinen Tragekorb. Der Oberste Wächter hatte recht, die Arkantoren waren hier durchgezogen und würden sich wohl nicht so bald wieder blicken lassen. Trotzdem sah Drakan alle paar Atemzüge zu den Gelbkämmen, die nach wie vor nach Futter suchten. Auch sie wirkten völlig ruhig. Es gab keine Anzeichen von Gefahr. Und dennoch … Ihn beschlich das Gefühl, beobachtet zu werden. Von gierigen Augen. Unruhe erfasste ihn. Er pflückte die Nüsse in schnellerem Tempo.
»Gar so eilig haben wir es auch wieder nicht.« Orim nestelte seinen Trinkbeutel vom Gürtel. »Gönn dir eine Pause. Der Weg zurück wird anstrengend genug mit der Last auf dem Rücken.«
Auch Lako nahm einige Schlucke aus seinem Beutel. Die anderen beiden Männer alberten herum.
»Du hast ja viel weniger als ich in deinem Korb.« Gespielt entrüstet stemmte Krato die Hände in die Hüften.
Tanur zuckte mit den Schultern. »Na bei dir hängen die Nüsse viel tiefer am Strauch. Damit es ausgeglichen ist, musst du mir etwas von den deinen abgeben.« Er fasste in Kratos Korb.
»Nichts da!« Krato schlug ihm sachte aufs Handgelenk. »Das sind meine.«
Drakan hörte nicht länger zu. Denn ein Geräusch zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Rascheln im Gebüsch. Er blickte sich um, konnte jedoch keine Gefahr entdecken. Und die Gelbkämme zeigten weiterhin keinerlei Anzeichen von Nervosität.
Gewiss nur ein Wollschweinchen, beruhigte er sich. Dennoch pflückte er hastig weiter. Dieser Tag brachte nichts Gutes mit sich, das fühlte er deutlich.
»Sag, Drakan …« riss Lakos Stimme ihn aus seinen Gedanken. »Kannst du dich an jemanden aus deiner Familie erinnern, der auch grüne Augen wie du hatte?«
Er schüttelte den Kopf. »Sogar meine Eltern wissen keinen Ahnen, bei dem das der Fall war.«
»Es muss ein schönes Gefühl sein, dass die Naturgeister dich so offensichtlich mögen«, sinnierte Lako weiter. »Ich stelle mir oft vor, wie das wäre …« Er verstummte. Lauschte.
Ein Rauschen ließ Drakan den Kopf heben. Von einem Moment zum anderen pochte ihm das Herz bis zum Hals. Ein riesiges Ungetüm senkte sich auf die Lichtung herab.
Attacke
Ein Hatzwan!
Es kam selten vor, dass ein solches Tier sich auf ihrer Insel blicken ließ, aber ein Aufeinandertreffen war stets fatal. Dieser Flugsaurier war in seinen Ausmaßen viermal so groß wie die Gelbkämme, die erschrocken krächzten. Der übergroße Kopf des Hatzwans wirkte plump, doch das täuschte. Mit seinem spitzen Schnabel packte er blitzschnell Beutetiere – und würgte sie hinunter.
»Verteidigt unsere Schützlinge!«, rief Orim und rannte los, den Speer zum Kampf erhoben.
Drakan und die Übrigen hetzten hinter ihm her.
Der Hatzwan setzte mit den Hinterbeinen am Boden auf und klappte die Flügel zusammen, um sich auch darauf zu stützen.
Die kleineren Flugsaurier erhoben sich einer nach dem anderen in die Luft. Ein junges Tier allerdings war nicht schnell genug.
Orim versuchte, es vor dem Hatzwan zu erreichen. Vergeblich. Der fliegende Riese war mit wenigen Schritten bei seiner Beute und packte das Tier am Hals.
»Weg mit dir, du Untier!«, stieß Orim aus und stach mit dem Speer nach dem Angreifer.
Der Hatzwan wich zurück, während er den Gelbkamm verschluckte.
»Nein!« Verzweifelt wollte der alte Mann nachsetzen – was sein Tod wäre. Denn der Flugsaurier machte keinen Unterschied, ob er Tiere oder Menschen fraß.
Drakan riss Orim am Arm zurück. »In Deckung zu den Bäumen!« Er zerrte den Obersten Wächter mit sich. Am Boden konnte der Hatzwan sie schwer einholen, und im Wald waren sie vor einer Attacke aus der Luft geschützt.
Hinter Drakan und Orim erschollen Schreie des Schreckens. Trampelnde Schritte folgten ihnen. Die allerdings binnen weniger Herzschläge von aggressivem Klackern übertönt wurden, wie auch von Kampfgebrüll. »Weg mit dir, du Untier!«
Lako! Am Waldrand wandte Drakan sich um. Grauen bot sich seinem Blick dar. Krato und Tanur hatten es in Sicherheit geschafft. Doch der Junge stand allein dem Hatzwan gegenüber. Sein Speer wirkte mickrig im Vergleich zu dem gewaltigen Flugsaurier.
Das Tier spreizte bedrohlich die Flügel und stieß mit dem Schnabel nach Lako. Gerade noch rechtzeitig sprang der Junge zur Seite.
»Wir müssen ihm helfen!« Drakan hastete zurück zu den Kämpfenden. Alleine würde der Bursche es niemals schaffen, den Saurier in die Flucht zu schlagen, ihn zu bezwingen, war ohnehin unmöglich.
Drakan schrie, so laut er es vermochte, und fuchtelte mit dem Speer, um dem Angreifer klar zu machen, dass er durchaus eine Gefahr darstellte.
Tatsächlich blickte der Hatzwan zu ihm. Zögerte. Lako nutzte diese Gelegenheit und wandte sich zur Flucht. Ein Fehler!
Gleich würde das Tier mit dem Schnabel nach dem Fliehenden hacken. Der lange Hals des Sauriers genügte, um den nun Wehrlosen zu erwischen.
»Zurück!«, brüllte Drakan und stieß dem Flugsaurier die steinerne Spitze seines Speers in den Leib.
Sein tierischer Gegner gab ein überraschtes Fauchen von sich und wich einen Schritt zur Seite.
Mit einem Ruck riss Drakan den Speer aus der Wunde, was Blut heraussprudeln ließ. »Weg mit dir!«
Der Hatzwan hackte nach ihm.
Instinktiv wich Drakan aus, indem er einen Satz auf seinen Widersacher zu tat, versuchte, ihm den Speer in den Hals zu rammen.
Doch der Saurier ruckte mit dem Kopf zurück, die Attacke ging ins Leere. Zornig klapperte der Hatzwan mit dem Schnabel und versetzte Drakan einen Stoß mit dem eingeklappten Flügel.
Drakan stürzte rücklings zu Boden. Für einen Moment bekam er keine Luft. Krampfhaft umklammerte er seinen Speer. Gleich würde sein Widersacher ihn mit dem spitzen Schnabel packen.
Da gingen Krato und Tanur auf die Kreatur los. »Verschwinde!«, rief Krato.
Keuchend rappelte Drakan sich hoch und stieß ebenso wie seine Gefährten mit dem Speer nach dem geflügelten Riesen. Der Hatzwan wand sich, um dem Angriff auszuweichen, und kreischte wütend – ehe er mit den Flügeln schlug. Drakan und die anderen wichen zurück, die Kreatur erhob sich in die Luft.
Erleichterung durchflutete Drakan. Schwer atmend sah er von Krato zu Tanur. »Danke.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Das war knapp.«
»Den kannst du nicht allein vertreiben.« Krato klopfte ihm auf den Rücken. »Dafür hast du doch uns. Abgesehen davon, dass du Lako gerettet hast.«
Der Jüngling stand am Waldrand neben Orim. Seine Hände hielten zwar seinen Speer, aber sie zitterten.
Auch Drakan fühlte sich wackelig auf den Beinen, als er zu ihnen stakste. Sein wild pochender Herzschlag beruhigte sich nur allmählich.
Der Alte nickte ihm anerkennend zu. »Sehr mutig von dir.«
»Danke!« Lako neigte beschämt den Kopf. »Ich bin dir so dankbar. Du hast mein Leben gerettet, ich jedoch bin geflohen.«
»Du bist noch nie einem Hatzwan begegnet«, wiegelte Drakan ab. »Auch wenn man eigentlich weiß, wie man sich verhalten soll, tut man es dann oft nicht. Nicht beim ersten Mal.« Er legte dem Jungen die Hand auf die Schulter. »Nun hast du erlebt, wie ein solcher Jäger vorgeht. Wir werden es hoffentlich nicht mehr so schnell mit einem von ihnen zu tun bekommen, aber merk dir, wie wir ihn vertrieben haben.«
Lako nickte eifrig. »Ich werde stets daran denken.«
Drakan atmete einige Male tief durch, um die Schrecken des Kampfes so gut wie möglich hinter sich zu lassen. Aber auch wenn er so tat, als würde er den Angriff schnell wegstecken, dem war keineswegs so. Das Grauen blieb. Und welche neue Beute würde die geflügelte Kreatur sich suchen?
***
Lust auf mehr von dieser Saurier-Fantasywelt und den Figuren?
Steh Drakan in meiner Kurzgeschichte »Kampf um den Auserwählten« zur Seite:
»Du bist der Auserwählte für unsere beiden Stämme.«
Als Wächter der heiligen Flugsaurier wehrt Drakan den Angriff eines Fleischfressers ab. Die tierischen Jäger sind allerdings nicht die Einzigen, die ihn und seinen Stamm bedrohen: Im kühler werdenden Klima verkümmern die Lebensnüsse als wichtige Nahrungsquelle. Drakan gilt als Auserwählter, die Macht der geflügelten Gelbkamm-Saurier und damit auch die Kraft der Sonne zu stärken. Doch fremde Krieger überfallen ihn. Er kämpft gegen sie an, bis er sich der Übermacht geschlagen geben muss. Seine Widersacher verschleppen ihn – und Drakan sieht sich noch einer weit größeren Gefahr gegenüber.
Eine actionreiche Fantasy-Kurzgeschichte im Europa der Kreidezeit.
Jetzt lesen und Sauriern an Land, in der Luft und im Wasser begegnen:
Ich freue mich, wenn du dich mit Drakan durch das nächste Abenteuer kämpfst!
Erlebe mystische Welten!
BERNADETTE

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