Schwert der Edelsteine – Eine düstere Fantasy-Kurzgeschichte im Mittelalter

Titelbild einer Fantasy-Kurzgeschichte mit Schwert und Lichteffekt

In dieser dunklen Fantasy-Kurzgeschichte erlebst du, wie der Held blinder Leidenschaft verfällt – sodass er bereit ist, alles für seine Herrin zu tun, was immer sie ihm aufträgt.

Eine Geschichte in einer mittelalterlichen Welt.

Schwert der Edelsteine

Begegnung

Erleichtert, dem Unwetter entkommen zu sein, trat Tarek in die düstere Halle. Das gleißende Licht eines Blitzes drang durch die geschlossenen Fensterläden und verlieh der Frau an der langen Tafel gespenstisch anmutende Züge. Krachender Donner folgte und verschluckte das Geräusch von Tareks Schritten. Gerade rechtzeitig hatte er es zur Burg geschafft, ehe das Gewitter losgebrochen war.

Noch ein Blitz. Die Gestalt der Burgherrin leuchtete erneut einen Herzschlag lang auf. Und wieder machte sich die Naturgewalt mit ohrenbetäubendem Donnergrollen bemerkbar. Der Regen prasselte gegen die Läden und ließ Tarek sich froh fühlen, dass er sich hier, im Trockenen befand. Zumindest vorerst. Bis er sein Angebot unterbreitet hatte.

Zwei Manneslängen vor dem Tisch blieb er stehen. Das Feuer im Kamin erhellte die weitläufige Halle nur spärlich, und es vermochte auch kaum etwas gegen die feuchte Kühle auszurichten, die von draußen hereinkroch. Doch die flackernden Flammen zeichneten zuckende Schatten in das Antlitz der Frau. Lorana von Grienstein, wusste Tarek.

Sie vollführte eine auffordernde Geste. »Tritt näher.«

Er straffte die Schultern und schritt zur Tafel. Unauffällig schweifte sein Blick über die Burgherrin. Ein ebenmäßiges, glattes Gesicht, umrahmt von dunkelbraunen Haaren, die über ihre Schultern und den gesamten Rücken fielen. Vor ihr stand ein Kelch mit Wein auf dem Tisch. Sie legte beide Hände darum.

»Mein Verwalter sagte mir, du bietest mir deine Dienste an.« Aus dunklen Augen musterte sie ihrerseits seinen athletischen Körper. Kühl und abschätzig.

»In der Tat.« Er verneigte sich. Abermals zuckte das Licht eines Blitzes durch die Halle. Tarek wartete das darauffolgende Krachen ab, ehe er seinen Namen nannte.

»Tarek …« Lorana zog die Silben in die Länge, als würde sie überlegen, ob ein Mann, der so hieß, ihr von Nutzen sein könnte. Abrupt fragte sie: »Und wie noch?«

»Von Nebelstein. Aber das ist bedeutungslos.«

Sie hob die Augenbrauen. »Ob es eine Rolle spielt oder nicht – das entscheide ich.«

Er erwiderte nichts darauf, deutete nur ein leichtes Kopfneigen an, wobei ihm eine Strähne seiner schulterlangen Haare ins Gesicht fiel. Sie hatten die gleiche Farbe wie jene Loranas, ein merkwürdiger Zufall.

Die Burgherrin trank einen Schluck. »Was verschlägt dich hierher? Immerhin liegt Nebelstein weit im Westen des Reiches«.

Der Regen prasselte noch lauter gegen die Läden.

Tarek versuchte ein Lächeln. »Der Sold. Ich bin bereit, überallhin zu gehen, um mich zu verdingen.«

»Und warum genau denkst du, dass du für mich von Nutzen bist?« Ihr forschender Blick blieb einen Moment zwischen seinen Beinen hängen.

Dachte sie wirklich auf diese Weise über ihn? Ein Anflug von Hitze stieg in ihm auf. Denn sein Gegenüber war nicht nur jung, sondern auch von wohlgeformter Gestalt. Unter ihrer Kleidung zeichneten sich üppige Rundungen ab. »Was immer Ihr wünscht, erfülle ich Euch. Mit meinen Händen ebenso wie mit meinem Schwert.«

»So …« Sie schürzte die Lippen. »Wie viele Menschen hast du bereits getötet?«

Der unvorhergesehene Themenwechsel entlockte ihm ein Schnaufen. »Zu viele, um sie zu zählen. Noch als Knappe diente ich in der Schlacht gegen Kawandor. Und seitdem stehe ich im Sold, wer immer meine Dienste brauchen kann.«

»Ein Ritter ohne Land. Nun …« Sie stand auf.

Ihre langen Haare umschmeichelten ihre Gestalt. Und nun fiel Tarek auch ihre schmale Taille auf, ebenso wie ihre wohlgerundeten Hüften. Ihre gesamte Erscheinung entsprach genau dem, wie er eine Frau mochte, um sie …

Die Burgherrin winkte ihn mit sich. »Begleite mich in mein Gemach. Ich möchte dir etwas zeigen. Dann werden wir sehen, ob wir ins Geschäft kommen.«

Handel

Tarek folgte Lorana die mit Fackeln beleuchtete Wendeltreppe den Burgturm hinauf. Sein Atem ging schneller, was keineswegs nur an der Anstrengung lag, die Stufen zu erklimmen, sondern auch an der Aussicht darauf, den Schlafraum der Frau zu betreten, die mit wiegenden Hüften vor ihm schritt. Und ihn unwiderstehlich anzog. Wollte sie etwa gleich eine Kostprobe, wie geschickt er als Liebhaber war?

Oben angelangt öffnete sie die Tür, die mit einem leisen Knarren aufschwang. Auch in dem runden Raum kämpfte das Flackern eines Kaminfeuers gegen die herrschende Düsternis und die Feuchte des Regens an.

Tareks Blick fiel auf ein ausladendes Himmelbett, eine Kleidertruhe und einen Tisch für Schreibarbeiten. Alles aus dunklem Eichenholz gefertigt, mit ornamentalen Schnitzereien versehen. Ohne Zweifel war die Herrin wohlhabend – und bereit, dies für ihre persönlichen Zwecke zu nutzen.

Statt zum Bett schritt sie allerdings zur Truhe und legte die Hände an den Deckel.

Rasch eilte Tarek zu ihr. »Lasst mich Euch helfen.« Er stemmte den schweren Deckel hoch, bis er zur Gänze aufgeklappt war. Kostbare, farbenfrohe Gewänder boten sich seinem Blick dar. Wollte Lorana ihm bloß ihre Kleidung präsentieren?

Die Burgherrin sagte jedoch nichts dergleichen. Sie beugte sich ein wenig vor und zog zwischen den Stofflagen ein Schwert heraus.

Tarek stutzte. Eine solche Waffe in der Truhe einer Frau?

Sie trat zum Tisch und legte das Schwert darauf. Das Licht eines weiteren Blitzes drang durch die Fensterläden, samt dem Grollen des Donners.

Verwundert betrachtete Tarek das geschmiedete Stück: eine sorgsam gefertigte Klinge mit gerader, nur an den Enden leicht nach oben geschwungener Parierstange. Der mit braunem Leder umwickelte Griff endete in einem Fischschwanzknauf. Die gesamte Waffe war in den Einzelheiten schlicht gehalten, jedoch von formschöner Machart. Allerdings … Sein Blick schweifte neuerlich zum Griff. Direkt unterhalb der Parierstange zeigten sich übereinander drei ovale Einbuchtungen. Als würde dort etwas fehlen.

Lorana hatte seinen Blick bemerkt. »Ganz recht, die Waffe ist zwar fertig geschmiedet, aber noch keineswegs vollendet.« Zart strich sie über den Griff. »Hierhin gehören Edelsteine.«

Sie trat erneut zur Truhe und kehrte mit einem Lederbeutel zurück. Daraus entnahm sie drei längliche, an den Enden abgerundete Steine, die sie neben das Schwert legte und die selbst im Schein des Kaminfeuers von brillanter Leuchtkraft waren. Ohne Zweifel handelte es sich um Kostbarkeiten.

Die Burgherrin deutete der Reihe nach darauf. »Ein Saphir, ein Smaragd und ein Topas. Alle diese Edelsteine besitzen eine besondere Macht. Doch um sie zu nutzen, muss ich ihre Magie erst aktivieren.« Sie hielt kurz inne. »Dazu benötige ich Menschen, deren Augenfarbe genau jener der Steine entspricht.« Unverwandt sah sie ihn an.

Und er sie, wobei ihm war, als würde er in ihren dunklen Augen versinken. Ihr Blick nahm ihn gefangen, schien ihn zu verschlingen und mit sich fortzureißen. Sein Herz pochte heftig. Es fiel ihm schwer, Worte zu formen. »Ihr braucht also jemanden … der diese Menschen für Euch beschafft.«

»So ist es. Und zwar immer nur eine Person nach der anderen. Erst eine mit Augen, so instensiv blau wie der Saphir. Dann eine mit grünen Augen, wie der Smaragd. Und zu guter Letzt eine mit hellbraunen Augen, die dem Topas entsprechen.« Mit einer Hand strich sie sich durch die langen, dunklen Haare. »Falls du mich zufriedenstellst, wirst du reichen Lohn erhalten. Für jeden der Menschen, den du mir bringst und der meiner Anforderung entspricht, zahle ich dir ein Goldstück. Das macht drei insgesamt.« Sie ließ die Hand über ihre rechte Brust gleiten. »Darüber hinaus werde ich dich auch … auf andere Weise entlohnen.«

Unwillkürlich stellte er sich vor, wie sie wohl aussehen würde, wenn sie ihre Kleider abgelegt hatte: pralle Brüste mit harten Knospen, die sich ihm entgegenreckten, wohlgerundete Hüften, die wie dafür gemacht schienen, dass er sie packte … Heftiges Begehren stieg in ihm auf. Verlangen nach dieser Frau, die nicht nur stolz und schön war, sondern ebenso die Reize zu genießen wusste, mit denen sie ausgestattet war.

»Ich bin einverstanden«, sagte er atemlos.

Sie lächelte, auf eine Art, als wäre ihr vollkommen klar, was ihm durch den Kopf ging. »Dann sei es so.« Auffordernd hielt sie ihm die flache Hand hin, um ihrer beider Abkommen endgültig zu beschließen.

Er legte die seine darauf. Ihm war, dass ihre Haut glühte. Wie würde es erst sein, sie an ganz anderen Stellen zu berühren, wie es ihm gefiel? Eine Welle von Lust jagte durch seinen Körper.

Abrupt zog sie ihre Hand zurück. »Woher du die Opfer beschaffst, ist deine Sache.« Ihre Stimme hatte einen völlig nüchternen Klang angenommen. »Aber in zwei Wochen findet in Wilmstett der Markt statt, zu dem Leute von weither strömen. Falls du bis dahin niemand Passenden gefunden hast, sieh dich dort um.«

Tarek brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie nun wieder völlig in ihre Rolle als Dienstherrin geschlüpft war. Er deutete ein Kopfneigen an. »Ganz gewiss werde ich Euch verschaffen, was ihr begehrt.«

Schlucht

Am nächsten Morgen schritt Tarek hinter seiner Auftraggeberin durch den unterirdischen Teil der Burg. Nur ab und an drang Tageslicht durch kleine Öffnungen in den dunklen Gang, die feuchtkühle Luft roch nach Moder. Tarek fröstelte. Er konnte sich denken, wohin Lorana ihn führte, und diese Vermutung weckte erst recht Widerwillen in ihm. Aber er war in ihren Dienst getreten, und damit gehörte es zu seiner Pflicht, ihren Anweisungen unbedingte Folge zu leisten.

Noch schwieg Lorana allerdings, der Widerhall ihrer beider Schritte war das einzige Geräusch. Bis eine Ratte an ihnen vorbeihuschte. Ekel stieg in Tarek auf.

Endlich hielt Lorana bei einer Tür. »Das Verlies.« Ihre Erklärung bestätigte seine Annahme. Sie stieß die Tür auf und trat ein.

Obwohl Tarek wusste, dass ihm keineswegs Gefahr drohte, konnte er sich des Gefühls der Beklemmung nicht erwehren, als er sich in dem düsteren Raum umsah. Nur ganz oben, direkt unter der Decke ließen breite Ritzen ein wenig Luft und Licht herein. Von einer der Wände tropfte Wasser, das sich in einer Pfütze sammelte, und in einer Ecke lagen ein paar Armvoll fauliges Stroh. Abgesehen davon war das Verlies leer. Als würden hier kaum jemals Leute bewacht. Nur sagte Tareks Instinkt ihm, dass dies keineswegs bedeutete, dass es nie Gefangene gab, sondern eher, dass die Herrin … anders mit ihnen verfuhr.

Sie wandte sich ihm zu, sah ihm in die Augen. »Das Opfer, das ich für das Ritual benötige, bringst du zunächst hierher.«

Er blinzelte verwirrt. »Eine Zeremonie?«

Lorana blickte ihn durchdringend an. »Ja. Aber das ist nichts, worum du dich kümmern musst. Deine Aufgabe dabei ist nur, das Opfer ruhig zu halten, sodass ich das Ritual ungestört durchführen kann. Es wird nicht lange dauern. Danach …« Sie wies zur Tür. »Ich zeige dir, wohin du diese Leute dann bringst.«

Tarek war froh, den Kerker zu verlassen. In dem Raum schien eine Schwere zu lasten, die nicht nur etwas Erdrückendes, sondern etwas Endgültiges an sich hatte.

Seine Dienstherrin schritt den Gang zurück, die Treppe nach oben und hinaus in den Burghof. Zarte Regentropfen benetzten Tareks Gesicht, und der kühle Wind ließ ihn den Mantel enger um seine Schultern ziehen.

Über eine Seitenpforte führte Lorana ihn in ein verwildertes Wäldchen, das sich hinter der Burg erstreckte. Die Äste knorriger Bäume ragten in den grauen Himmel. Umgestürzte, halb vermoderte Baumstämme und Gestrüpp, das immer wieder über den Weg wucherte, wiesen darauf hin, dass sich schon lange niemand mehr um den Wald kümmerte.

Warum? Es wäre doch praktisch, Holz von hier zu holen, oder einfach hier zu lustwandeln. Aber offensichtlich wurde der Pfad nicht oft begangen.

Allerdings wurde Tarek bald klar, dass der einzige Zweck des Weges darin bestand, zu einer steil abfallenden Schlucht zu führen. Über Steinblöcke und Geröll ging es mindestens einen Pfeilschuss in die Tiefe. Hinab zu einem Bach. Und zu den menschlichen Überresten am Ufer. Skelette, bleich und abgenagt, lagen ebenso dort wie Gerippe, an denen noch Fleischfetzen hingen. Ein Schwarm von Krähen tat sich an den verwertbaren Resten gütlich. Mit lautem Krächzen stritten sie sich um die besten Teile, verjagten einander und flogen mit Brocken im Schnabel davon.

Offensichtlich stürzten hier immer wieder Leute in den Tod. Trotz des steilen Pfades, der in die Tiefe führte, nahm Tarek an, dass dies unfreiwillig geschah. Und um das Stillschweigen darüber zu gewährleisten, überließ die Herrin das Wäldchen sich selbst. Solange kein Arbeiter sah, was hier vor sich ging, konnte auch niemand davon berichten.

Das Krächzen einer Krähe ließ Tarek aufblicken. Über der Schlucht kreisten weitere der schwarzen Vögel, begierig, noch etwas von der kärglichen Mahlzeit abzubekommen.

Lorana deutete nach oben. »Sie sind ausgehungert.« Ein zartes Lächeln umspielte ihre Lippen. »Aber nicht mehr lange. Du wirst ihnen anständiges Futter verschaffen.«

Ihr Blick aus den dunklen Augen zog ihn gänzlich in ihren Bann. Tarek vermochte unmöglich, wegzusehen, nur, zu nicken. Obwohl sich in ihm Widerwillen regte, weit stärker als in dem Gang zum Verlies. Zu töten, ohne die Notwendigkeit, das eigene Leben zu beschützen, widerstrebte ihm stets. Aber er hatte dieses Gefühl der inneren Schuld schon oft überwunden, er würde es wieder schaffen.

Sie deutete in den Abgrund. »Wie du das anstellst, ist mir gleichgültig. Wichtig ist nur, dass die Opfer hinunter gelangen, genau hier. Diese Schlucht sieht gewöhnlich aus, doch in ihr herrscht eine besondere Magie. Woanders sind nicht nur die Hänge weniger steil, auch diese faszinierende Kraft nimmt ab. Also merk dir diese Stelle. Komm nicht auf die Idee, einen der Gefangenen woanders hinzuzerren.«

Wie um ihre Worte zu betonen, krächzte abermals eine Krähe.

Die Herrin lächelte wieder. »Taucht das Opfer in diese starke Magie ein, wirkt der Zauber weit über die Schlucht hinaus. Für meine Zwecke.«

Obwohl Tarek unklar war, was sie meinte, nickte er neuerlich. »Ich verstehe.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das tust du nicht, aber auch das spielt keine Rolle. Sobald das erste Opfer seinen Zweck erfüllt hat, wirst du sehen, welche Macht der Saphir in dem Schwert entfaltet.«

***

Lust auf mehr düsteres Mittelalter mit diesen Figuren?

Sei auch in meiner Kurzgeschichte »Kristallklinge« an Tareks Seite:

Was immer sie wünscht – er wird es ihr beschaffen. In der Hoffnung, dass sie dann auch ihn will.

Tarek entbrennt vor Leidenschaft für die Burgherrin, in deren Sold er steht. Getrieben von seinem Begehren setzt er alles daran, den Auftrag zu erfüllen, ihr Gefangene mit leuchtend klaren Augen zu beschaffen. Sie dienen dazu, Edelsteine mit Macht aufzuladen – um diese in den Griff eines besonderen Schwertes einzusetzen. Doch nicht alle Opfer sind so wehrlos, wie es auf den ersten Blick scheint.

Eine düstere Fantasy-Kurzgeschichte in einer mittelalterlichen Welt.

Jetzt lesen und an der Seite des Helden in eine dunkle Epoche eintauchen:

Erlebe, wie es mit dem Schwert der Macht weitergeht, und steh Tarek bei seinem nächsten Abenteuer bei.

Erlebe mystische Welten!

BERNADETTE

Autorin mit Fantasy-Buch im Wald.

Eine weitere Kurzgeschichte auf meinem Blog:

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