Licht des Herzens – Eine düstere Fantasy-Kurzgeschichte im Mittelalter

Titelbild einer Fantasy-Kurzgeschichte mit Schwert und Lichteffekt

In dieser dunklen Fantasy-Kurzgeschichte erlebst du die Wandlung des Helden, der sich entscheiden muss zwischen blinder Leidenschaft und hoffnungsvoller Sehnsucht.

Eine Geschichte in einer mittelalterlichen Welt.

Licht des Herzens


Mit heftig pochendem Herzen stieg Tarek die Wendeltreppe zum Burgturm hinauf. Warum hatte die Herrin zu dieser Nachtzeit nach ihm verlangt?

Fackellicht warf flackernde Schatten an die Wände, was den Eindruck erweckte, als würde in ihnen Leben pulsieren. Wie in Tareks Leib. Und der Gedanke an den wohlgeformten Körper der Herrin, ihr makelloses Gesicht und ihre herrlichen Haare …

Tarek befeuchtete sich die Lippen. Sie würde doch wohl nicht … Unwillkürlich erklomm er die Stufen noch schneller.

An der Tür zu ihrem Gemach blieb er stehen. Sein Atem ging schwer, sodass Tarek zögerte, einzutreten. Erst wollte er sich ein wenig beruhigen. Er zog eine Falte im Ärmel seines Obergewandes glatt und rückte seinen Gürtel zurecht. Die Herrin hatte scharfe Augen – und sie legte Wert auf tadelloses Erscheinen. Vor allem bei einem Mann wie ihm, der sich freiwillig in ihre Dienste begeben hatte. Gegen Sold und so lange es ihm gefiel.

Schließlich pochte er an die Tür. Zwei Atemzüge verstrichen.

»Herein!«, drang es endlich durch das Holz.

Tarek trat ein. Düsternis füllte das Gemach, lediglich erhellt von den rot glühenden Kohlen im Kamin. Es dauerte ein wenig, bis Tarek sich an das schwache Licht gewöhnt hatte.

Die Herrin wusste das wohl, denn sie ließ sich Zeit, ehe sie sagte: »Komm näher.«

Nun erkannte er ihre ausgestreckte Gestalt auf dem gewaltigen Himmelbett. Tarek schluckte. Er folgte ihrer Aufforderung, wobei sein Atem erneut schneller ging. Eine halbe Manneslänge vor dem Bett blieb er stehen und verneigte sich.

Sie hatte sich auf einen Ellbogen gestützt, den anmutiger Körper nur von ihrem weißen Untergewand verhüllt. »Mein treuer Diener …« Ein Lächeln lag in ihrem Tonfall. »Ich bin sehr erfreut. Wirklich sehr erfreut über deinen Erfolg. Das Schwert …« Sie zog das Tuch darüber fort und streckte es ihm entgegen. »Sieh selbst.« Ein zartblaues Leuchten ging von einer Stelle des Schwertgriffes aus.

Um die Waffe zu nehmen, musste Tarek noch näher an das Bett treten. Bis seine Knie die Matratze berührten. Er drehte und wendete das Schwert, um den Saphir zu betrachten, der seit heute den Griff zierte. Seit er das Mädchen mit den intensiv blauen Augen zur Herrin gebracht hatte. Und unter diesem Edelstein befanden sich zwei weitere leere Einbuchtungen …

»Die Energie der Kleinen ist stark«, fuhr sie fort. »Genau so, wie wir sie brauchen. Und da sie auf den Grund der Schlucht gestürzt ist, bleibt das auch so.«

Er nickte schweigend. Trotzdem breitete sich Beklommenheit in ihm aus.

»Gab es irgendetwas Besonderes, als du sie beiseitegeschafft hast?«, fragte die Herrin.

»Nein.« Er gab ihr das Schwert zurück. Kurz blitzte in seiner Erinnerung das entsetzte Gesicht des Mädchens auf, als sie begriff, dass er ihr die Kehle durchschneiden würde. Danach hatte er sie in den Abgrund gestoßen. Rasch verdrängte er die Bilder des sich überschlagenden Körpers.

Die Herrin lächelte. »Gewiss werden die Krähen für das Übrige sorgen.« Sie legte das Schwert ab und strich sich durch die langen, dunklen Haare. Und weiter über die kaum verhüllte Seite ihrer anmutigen Gestalt.

Tareks Mund wurde trocken. Er konnte nichts anderes tun, als sie anzustarren und zu fühlen, wie heftig sein Herz schlug. Und wie die Hitze in seinen Lenden anschwoll.

Sie winkte ihn fort. »Bestimmt kommen morgen weitere Reisende den Weg entlang. Mach dich so früh wie möglich auf den Weg. Je eher ich den Smaragd in das Schwert einsetzen kann, desto besser.«

Ernüchtert trat er einen Schritt zurück, ehe er sich verneigte. »Ich werde alles dafür tun.«

»Ich weiß.« Sie lächelte wieder, auf eine Art, die ihm den Atem raubte.

Was immer sie wünschte – er würde es ihr beschaffen. Vielleicht durfte er dann darauf hoffen, dass sie auch ihn wollte.

Hinterhalt

Aufmerksam schweifte Tareks Blick den Weg entlang Richtung Süden. Die Sonne war erst vor Kurzem aufgegangen, doch es kamen bereits Reisende, die wohl zum Markttag nach Wilmstett wollten, in Sicht. Wie jedes Jahr strömten Händler, Gaukler und gewöhnliches Volk dorthin, um sich ein paar Tage lang zu betrinken und ihr Geld ebenso für notwendige Gerätschaften wie auch für allerlei Krimskrams und Belustigung auszugeben.

Ein Ochsengespann näherte sich Tarek. Die Tiere zuckelten dahin. Auf dem Wagen saß ein breitschultriger Bauer, das Gefährt selbst war mit Schweinen beladen, die erbärmlich quiekten.

Tarek wusste zwei Wachmänner hinter sich im Gebüsch, und er meinte zu spüren, dass deren Spannung anstieg, je weiter der Karren sich in ihre Richtung bewegte. Doch die beiden mussten auf seinen Befehl warten. Und so wie der Bauer aussah …

Keine grünen Augen. Scheinbar gelangweilt hob Tarek die Hand zum Gruß und ließ das Gespann ungehindert passieren. Ebenso die Gaukler, die einen Affen mit sich führten, und die Bauersfamilie mit den sieben Kindern, die ihm fröhlich von einem Wagen zuwinkten.

Die Sonne stieg höher, und allmählich begann Tarek zu schwitzen. Ihm war bewusst, dass sein Auftrag kein leichtes Unterfangen war. Wie viele Leute mochte es geben, die smaragdgrüne Augen hatten?

Immer mehr Menschen passierten die Stelle, an der er geduldig ausharrte. Der Nachmittag war bereits weit fortgeschritten, als zwei junge Männer des Weges kamen, die sich in einem fort unterhielten. Auf Tarek achteten sie nicht.

Er jedoch musterte ihre Gesichter. Die Augen des einen waren von einem leuchtenden Grün. Der passt! Also trat er den Burschen in den Weg.

Die zwei blieben stehen und blicken ihn fragend an.

»Könnt ihr mir helfen?« Er mimte den Verzweifelten. »Mein Pferd lahmt. Es hat sich einen Dorn eingetreten, und ich bekomme den nicht alleine heraus.«

Einer der Burschen lachte kurz auf. »Ihr seht mir wie ein feiner Herr aus. Seid Ihr denn ganz ohne Gefolge unterwegs?«

»Ja, weil es eine dringende Sache ist«, behauptete er und schlug einen kläglichen Tonfall an. »Ich muss so rasch wie möglich nach Wilmstett, aber jetzt kann mein Pferd mich nicht weiter tragen.«

»Na dann sehen wir uns den Gaul an«, stimmte der Bursche zu.

»Habt vielen Dank.« Tarek bedeutete den beiden, ihm abseits des Weges ins Gebüsch zu folgen, wo er die Zügel seines Pferdes um den Ast eines Baumes geschlungen hatte.

Sie hatten das Reittier noch nicht erreicht, da sprangen die Wachmänner vor und schlugen die Burschen nieder. Schnaufend richteten die Kerle sich wieder auf. »Welcher ist es?«, fragte der eine.

»Der mit den blonden Haaren.« Tarek band sein Pferd los und saß auf.

Die Wächter fesselten und knebelten die jungen Männer, die zwar aus ihrer Bewusstlosigkeit rasch wieder erwachten, aber zu schwach waren, um sich zu wehren.

»Beeilt euch«, mahnte Tarek.

»Wir sind schon fertig.« Jeder der Wachmänner schleifte einen der Gefesselten zu den Pferden, die sie hinter einer Gruppe Birken angebunden hatten. Quer über den Sattel gelegt würde es für die Gefangenen bestimmt kein angenehmer Ritt zur Burg. Aber das stellte noch das geringste Übel dar, das auf sie wartete.

Smaragd-Augen

Anspannung breitete sich in Tarek aus, als die Herrin zu dem Gefangenen trat. Tarek musste ihn stützen, damit er aufrecht stehen konnte, aber immerhin vermochte der Bursche, die Augen offen zu halten. Diese intensiv grünen Augen … Waren sie leuchtend genug für das Vorhaben der Herrin?

Sie betrachtete eingehend das Gesicht des Gefangenen.

Tarek biss sich auf die Unterlippe. Was, wenn sie unzufrieden war? Wenn die Augenfarbe von ihrer Vorstellung abwich?

Langsam breitete sich ein Lächeln auf dem Antlitz der Herrin aus. Sie sah zu Tarek. »Ausgezeichnet.«

Erleichterung durchflutete ihn. Erneut war es ihm gelungen, binnen kurzer Zeit ihren Wunsch zu erfüllen.

Die Herrin öffnete ihre Gürteltasche und hob einen länglich geformten Smaragd von der Größe eines halben Daumens ins Licht der Wandfackel. Der Edelstein funkelte. Sie schloss die Augen und schien sich ganz in ihre Vorstellung zu versenken. Ihr Kopf bewegte sich leicht, als würde sie in Gedanken eine Melodie summen.

Als sie die Augen wieder öffnete, lag darin ein eigentümlicher Glanz. Ohne ein Wort zu sagen, drückte sie den Edelstein erst gegen das eine Auge des Gefangenen, dann gegen das andere.

Der Bursche ruckte mit dem Kopf, was dem Unterfangen jedoch keinen Abbruch tat. Für einen Moment erstrahlte der Smaragd von innen heraus. Zufrieden lächelnd ließ die Herrin ihn in ihre Tasche gleiten. Doch kaum wandte sie sich Tarek zu, schwand jede Gelöstheit aus ihrem Antlitz. »Schaff ihn fort. Und unbedingt in die Schlucht.«

Er zerrte den Gefesselten mit sich, der zwar versuchte, sich zu sträuben, allerdings erfolglos. Tarek war stärker. Grob zog und bugsierte er den Gefangenen aus der Burg hinaus und in den angrenzenden Wald. Zum Abgrund.

Doch obwohl Tarek auf Geheiß der Herrin handelte, breitete sich ein widerwilliges Gefühl in ihm aus. Manchmal war es nötig, Menschen das Leben zu nehmen, um selbst zu überleben – aber in diesem Fall …

An dem steilen Abhang blieb er keuchend stehen. Der Gefangene hatte wohl begriffen, was Tarek vorhatte. Er wand sich, trat nach ihm und schrie trotz des Knebels schrill.

Es wurde Zeit, die Tat hinter sich zu bringen.

Tarek zog seinen Dolch und stieß ihn dem Burschen in den Hals. Kaum hatte er die Klinge zurückgezogen, sprudelte hellrotes Blut aus der Wunde.

Die Schreie erstarben zu einem gequälten Gurgeln, der Gefangene erschlaffte. Und Tarek stieß ihn über den Rand des Abgrunds.

Rasch wandte er sich ab und ging zurück in Richtung Burg. Den blutigen Dolch wischte er an dem Tuch trocken, dass er extra dafür in seiner Tasche getragen hatte.

Nun fehlte nur noch ein letzter Stein im Schwertgriff, um die Waffe zu vollenden. Morgen dann … Falls er Glück hatte.

Licht

»Euer Pferd lahmt?« Der bullige Schmied rümpfte verächtlich die Nase. »Was soll das für ein Dorn sein, den Ihr selbst nicht entfernen könnt?«

»Bitte …« Tarek machte ein zerknirschtes Gesicht. »Ich muss dringend weiter … Und du weißt doch mit solcherart Schwierigkeiten umzugehen.« Aus dem Augenwinkel sah er, dass die junge Begleiterin des Schmiedes ihn aufmerksam musterte. Vermutlich war sie dessen Tochter. Aber warum starrt sie mich so an? Hatte sie noch nie einem Adeligen gegenüber gestanden?

Der Schmied lachte dröhnend. »Ich weiß allerdings, was in einem solchen Fall zu tun ist. Ganz im Gegensatz zu dir feinem Bürschchen.«

»Und vielleicht …« Nun erwiderte Tarek den Blick der jungen Frau. Ihre kastanienbraunen Locken bedeckten ihren gesamten Rücken, und ihre Augen waren von einem strahlenden Hellbraun – wie es für den Zweck der Herrin sein sollte.

Allerdings hatte sie etwas an sich, das ihn irritierte: In ihrem Blick lag eine Wärme, wie er sie noch bei keiner anderen Frau gespürt hatte. Und außerdem … Tarek sah nichts Ungewöhnliches an ihrem Körper, doch er meinte zu spüren, dass ihr Herz Licht verströmte. Wie ein zarter Schein – nach dem sein eigenes Herz verlangte. Sehnsucht keimte in ihm, von einer Art, die ihm völlig unbekannt war.

»Was vielleicht?« Der Schmied musterte ihn argwöhnisch.

Rasch richtete Tarek seine volle Aufmerksamkeit wieder auf ihn. »Vielleicht wenn deine Tochter meinem Pferd gut zuredet, geht es auch ganz schnell und einfach, den Dorn herauszuziehen.«

Ihr Vater gab einen verächtlichen Laut von sich. »Eher mein Sohn.« Er bedeutete dem schlaksigen Jüngling, ihm zu folgen, doch zu Tareks Erleichterung tat es auch die Tochter. Nichtsahnend von ihrem Schicksal.

Wie schon die Male zuvor setzten die Wachmänner den Schmied und dessen Sohn außer Gefecht. Tarek hingegen umklammerte die Frau mit einem Arm und presste ihr die andere Hand auf den Mund.

Schockiert wand sie sich, in dem Versuch, sich aus seinem Griff zu befreien.

»Ganz ruhig«, raunte er. »Es muss dir nicht so ergehen, wie deiner Familie. Du hast keine andere Wahl, als mit uns zu kommen, aber ich kann dir den Weg angenehmer machen.«

Ihr Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen. Die junge Frau schien über seine Worte nachzudenken, doch nach wenigen Atemzügen trachtete sie erneut danach, seine Hände abzuschütteln. Erstickte Laute kamen aus ihrem Mund.

Er umklammerte sie noch fester.

»Was ist mit ihr?«, fragte einer der Wachmänner. »Wäre es nicht besser, sie auch …?«

Tarek schüttelte den Kopf.

Der Wächter zuckte mit den Schultern. Er und sein Gefährte schleiften die männlichen Gefangenen zu den Pferden.

Nun schien die Frau zu begreifen, dass auch ihre Angehören verschleppt wurden, und sie gab jegliche Gegenwehr auf.

»So ist es gut«, sagte Tarek leise. Langsam nahm er die Hand von ihrem Mund, bereit, sie jederzeit wieder dorthin zu pressen, sollte sie zu schreien beginnen.

Doch die junge Frau tat nichts dergleichen. »Was … Was habt Ihr mit uns vor?« Ein Zittern durchlief sie.

Er zog ein Tuch aus seiner Tasche. »Wir bringen euch zu meiner Herrin.«

»Und was weiter?«, fragte sie furchtsam.

Tarek band das Stoffstück um ihren Mund. »Keine Angst, die Herrin wird dir nichts zuleide tun.« Diese Worte meinte er ehrlich, sein Bauch zog sich allerdings zusammen. Denn es war gewiss, wie er selbst mit der Gefangenen verfahren musste. Und diesmal regte sich nicht nur Schuldbewusstsein bei diesem Gedanken in ihm, ein anderes Gefühl ergriff von ihm Besitz. Eines, das er noch nie gespürt hatte – und das ihn zutiefst erschreckte: Als würde sich ein strammer Riemen um seine Brust legen und ihm den Atem abschnüren.

Tarek bemühte sich, dem keine Beachtung zu schenken. Rasch schlang er ein Seil um die Handgelenke der jungen Frau und zog sie zu seinem Pferd. Er hievte sie vor sich in den Sattel. Mit einem Arm umschlang er ihre Taille, ehe er sein Reittier in Bewegung setzte. Zurück zur Burg.

Abgrund

»Ausgezeichnet!« In die Augen der Herrin trat ein Leuchten. Begeistert zog sie einen hellbraunen Topas aus ihrer Tasche. »Genau die gleiche Farbe wie der Stein.«

Die junge Frau zitterte unablässig und gab erstickte Laute von sich. Tarek hielt sie am Oberarm gepackt, sonst wäre sie wohl in die Knie gegangen. Aber auch er hatte Mühe, seine aufrechte Haltung zu wahren. Denn der Riemen, den er um seine Brust fühlte, schien mit jedem Atemzug enger zu werden. Was war das bloß? Hatte es gar etwas mit dem eigentümlichen Gefühl zu tun, von dem Herzen der Gefangenen würde ein sanftes Licht ausstrahlen?

Entschlossen, seine eigene Schwäche zu ignorieren, konzentrierte Tarek sich ganz auf die Herrin. Wie stets weckte ihr Anblick Begehren in ihm. Der tiefe Ausschnitt betonte ihre üppigen Brüste, und das eng geschnürte Gewand umschmeichelte ihre schlanke Figur. Doch so sehr ihm ihr bekleideter Körper gefiel – er wünschte, sie von diesen Stoffschichten zu befreien.

Sie lächelte ihm zu. Auch ihr Blick schweifte über Tarek und verharrte einen Moment zwischen seinen Beinen.

Nun durchlief ihn ebenso ein Beben – was sein Engegefühl lockerte. Er wollte die bloße Haut der Herrin berühren und sich nehmen, was sie ihm so oft zu versprechen schien. Wann erfüllte sie ihm endlich diesen Wunsch?

Die Herrin beachtete ihn nicht länger, sondern versenkte sich in ihre Trance, ehe sie den Topas erst gegen das eine, dann gegen das andere Auge der Gefangenen drückte.

Der Edelstein glühte auf. Zufrieden betrachtete die Herrin ihn, ehe sie ihn wieder in ihre Tasche steckte. Sie wandte sich Tarek zu. »Damit vollende ich das Schwert.« Eine bedeutsame Pause folgte. »Schaff sie weg …« Abfällig deutete sie auf die junge Frau. »Und nachher …« Ein einladendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Komm in mein Gemach.« Ohne Tarek eine Gelegenheit zu geben, darauf zu antworten, wandte sie sich ab und schritt davon.

Eine Woge aus Begehren und Sehnsucht überrollte Tarek. Nun war es so weit. Die Herrin würde sich ihm hingegen. Allerdings erst, nachdem er … Mit einem Mal machte das Engegefühl um seine Brust ihm wieder das Atmen schwer. Dennoch zog er die Gefangene forsch mit sich.

Die junge Frau wimmerte, während sie neben ihm herstolperte. Zur Schlucht.

Tarek zwang sich, ihre Furcht ebenso zu ignorieren wie seine eigene Schwäche. In ihr Gemach … Das war alles, was für ihn zählte. Zählen sollte.

Als sie bei der Schlucht anlangten, schwitzte Tarek am ganzen Körper. Gewiss war dies nur der Anstrengung geschuldet, die Gefangene mit sich zu zerren.

Er blickte in die Tiefe. Unten lagen menschliche Gerippe.

Auch die junge Frau hatte hinabgesehen, und soweit er das trotz des Knebels erkennen konnte, war ihr Gesicht noch blasser geworden. Panik lag in ihrem Blick. Sie gab einen Entsetzenslaut von sich und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

Entschlossen krallte Tarek seine Finger fester in ihren Arm. Die Frau war geschwächt, sie würde ihm nicht entkommen. Aber der Riemen um seinen Brustkorb schien sich mit einem Ruck noch enger zusammenzuziehen. Tarek bekam kaum Luft. Trotzdem zog er den Dolch. Ein Stich, ein Stoß … Damit hätte er seinen Auftrag vollends erfüllt.

In ihr Gemach … Er hob die Waffe.

Die Frau schrie auf und unternahm einen verzweifelten Versuch, sich loszureißen. Blitzartig strahlte das Licht ihres Herzens mit einer Kraft, dass Tarek sich einen Moment lang geblendet fühlte. Ihm blieb die Luft weg. Hilflos rang er um Atem. Dennoch ließ er die Gefangene nicht los.

Sie blickte ihm in die Augen. Er spürte die Wärme in den ihren. Und plötzlich vermochte er wieder, ungehindert ein- und auszuatmen.

Mit einem Schlag wurde ihm klar, dass er die junge Frau nicht töten konnte. Auf merkwürdige Weise waren sie miteinander verbunden. Und es schien … Das Licht, das von ihr ausging … Tarek ließ den Dolch sinken. Gefühle wogten durch ihn, die er nicht kannte. Gleichwohl mit einer Stärke, dass sie ihn vollständig durchströmten. Hilflos suchte er nach einem Ausweg aus seinem Dilemma.

Sie starrte ihn abwartend an – und er traf eine Entscheidung, mit der er sich selbst in Gefahr begab.

»Hör zu …« Er mühte sich um Worte. »Klettere in die Schlucht hinab. Es gibt einen steilen Pfad, den du nehmen kannst. Wandere die Schlucht entlang Richtung Osten, dort sind die Hänge weniger steil. Und verlasse sie unbedingt auf der anderen Seite, nicht auf der, wo du hinabgestiegen bist. Willst du das tun?«

Sie zögerte, doch schließlich nickte sie.

Er nahm ihr den Knebel und die Fessel ab.

Das Licht ihres Herzens leuchtete nun auf eine sanfte Weise. Und ihm war, dass sein eigenes Herz darauf reagierte, mit einem Gefühl …

»Habt Dank.« Die junge Frau blickte ihn einen Atemzug lang noch an, dann trat sie an den Rand des Abgrunds. Sie entdeckte den Pfad und machte sich an den Abstieg.

Tarek wartete, bis sie unten angelangt war. Zu seiner Erleichterung hielt sie sich an den Rat, die Toten zu meiden und stattdessen Richtung Osten zu gehen.

Als sie aus seinem Blickfeld verschwunden war, breitete sich Bedauern in ihm aus. Er würde sie nie wiedersehen. Nie wieder die Wärme in ihren Augen und das Licht ihres Herzens spüren. Und obwohl er die junge Frau nicht wirklich gekannt hatte, war ihm, dass er mit einem Loch in seinem Inneren zurückblieb. Als hätte er nicht gewusst, was ihm gefehlt hatte, bis er sie getroffen hatte.

Während Tarek zurück zur Burg ging, versuchte er, seine verworrenen Gefühle zu ordnen, was ihm jedoch nicht gelang. Und je näher er dem gewaltigen Bauwerk kam, desto klarer trat eine Empfindung in den Vordergrund: Schuld. Er hatte die Gefangene am Leben gelassen – und damit das Risiko auf sich genommen, dass die Wirkung des Topases nachließ. Wenn die Herrin das bemerkte …

Aber vielleicht genügte es, dass er die junge Frau in die Schlucht hinabgeschickt hatte. Immerhin schien es einen Grund zu geben, warum es wichtig war, die Leute mit den besonderen Augen dorthin zu schaffen. Möglicherweise kam es nur darauf an, nicht, ob sie tot oder lebendig waren. Sicher war Tarek allerdings nicht. Ihm blieb nur, zu hoffen.

Obwohl der scheinbare Riemen um seine Brust gelöst war, fiel es Tarek schwer, eine Stufe nach der anderen in den Turm hinaufzusteigen. Leichter Schwindel erfasste ihn. Das Versprechen der Herrin, die nicht ausgeführte Tat, das Licht im Herzen der Gefangenen … All das zerrte an ihm und ließ seine Anspannung stetig anschwellen.

An der Tür zum Gemach der Herrin blieb er stehen. Wie immer wartete er, bis sein Atem sich ein wenig beruhigt hatte, ehe er anklopfte.

»Herein!«, erklang es sofort.

Das war ungewöhnlich. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch öffnete Tarek die Tür und trat ein.

Tageslicht und frische Luft fluteten durch die geöffneten Fensterläden und ließen den Raum samt dem reich mit Schnitzereien verzierten Himmelbett, den Schreibtisch und die Kleidertruhe in hellen Farben erstrahlen.

Wie beim letzten Mal, als Tarek hier gewesen war, lag die Herrin auf ihrer prächtigen Liegestatt. Doch Tareks Blick verweilte nur kurz auf ihr – ehe er zu dem Fremden schweifte, der am Fenster stand.

Der Unbekannte sah nach draußen, sodass Tarek nur dessen Rücken betrachten konnte. Trotzdem war er sicher, dass er diesen überaus groß gewachsenen Mann mit den schwarzen, langen Haaren noch nie zuvor gesehen hatte. Auch die Kleidung des Fremden war dunkel, und trotz der Helligkeit des Tageslichts schien Düsternis an ihm zu haften. Von einer Art, die nichts mit der nächtlichen Finsternis zu tun hatte, sondern … tiefer ging.

»Tarek …« Die Stimme der Herrin klang gekünstelt hoch. »Da bist du ja endlich.«

Der Fremde am Fenster wandte sich um.

Entsetzt wich Tarek einen Schritt zurück. Was er im Antlitz des Mannes sah … Das durfte es nicht geben. Grauen packte ihn.

»Du warst es also, der uns die Menschen beschafft hat …« Der Fremde musterte ihn seinerseits, wobei sich ganz langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.

Auf einer Fratze!

Tiefe Narben und dunkle Ringe unter den Augen entstellten dieses Antlitz. Vor allem aber … Der Anblick der beiden daumenlangen, nach oben gedrehten Hörner, die links und rechts aus der Stirn ragten, ließen Tarek unweigerlich an schauderhafte Legenden denken – über den Fürsten der Finsternis.

»Lorana hat recht«, fuhr der Unbekannte fort. »Du wirst mir gute Dienste leisten.«

Tarek konnte ihn nur entgeistert anstarren. Wie meinte der Fremde seine Worte?

Der Besucher trat zum Bett und strich der Herrin über die Haare. »So wie du.«

Sie blickte zu ihm. »Ich bin ganz Eure Dienerin.«

Er schenkte ihren Worten keine Beachtung, sondern streckte die Hand nach dem Schwert aus, das neben ihr lag.

Tareks Anspannung raubte ihm den Atem. Würden alle drei Edelsteine mit gleicher Kraft leuchten? Oder …

Am Griff der Waffe funkelten der Saphir und der Smaragd mit unverminderter Stärke. Tareks Blick huschte weiter. Der Topas … Auch er strahlte. Dass die junge Frau noch lebte, hatte offenbar keinen Einfluss auf die Macht des Edelsteines.

Sogar der düstere Fremde wirkte fasziniert von dem Schwert.

»Tarek …«, sagte die Herrin leise. »Begib dich in die große Halle zum Gefolge des Fürsten. In seiner Großzügigkeit nimmt er dich auf.«

Der Fürst?! Tarek blickte kurz zu ihm. Der Mann war nach wie vor darin vertieft, das Schwert zu betrachten. Handelte es sich bei ihm etwa tatsächlich um den Fürsten der Finsternis? Und was hatte er mit dieser Waffe vor?

Doch diese Gedanken waren für ihn bedeutungslos. Vielmehr verursachten das Gehabe und die Worte der Herrin ihm andere Qualen. Wie konnte sie ihn dermaßen getäuscht haben? Mit schmerzlicher Heftigkeit erkannte er, dass ihr nie etwas an ihm gelegen hatte. Es mochte ihr gefallen haben, sein Begehren zu schüren, und seine bewundernden Blicke auf sich zu spüren. Mehr war da nie gewesen.

Er jedoch … Mit einem Mal fühlte er sich befreit. Er war in Loranas Dienste getreten, weil er das gewollt hatte – und es stand ihm ebenso frei, zu gehen. »Ich danke für dieses Angebot.« Er deutete eine Verneigung an. »Doch ich beende meinen Dienst bei Euch.«

Verblüfft blinzelte sie. Und ein Flehen zeigte sich in ihrem Blick. Lag ihr etwa doch etwas an ihm? »Du … gehst?«

Er nickte knapp. »Ich verzichte sogar auf meine Bezahlung. Behaltet das Gold.« Ehe sie noch etwas sagen konnte, verließ er den Raum.

Hastig polterte er die Treppe hinunter. Fort! Ihn trieb es hinaus aus der Burg. Weg von Lorana. Und aufhalten konnte ihn niemand.

Tarek holte sein Pferd aus dem Stall. Als die Hufe des Tieres über die Zugbrücke klapperten, wurde ihm bewusst, dass er nie zurückkehren würde. Nicht wollte.

Es gab nur ein einziges Ziel, das ihn nun antrieb: Sie zu finden. Weit konnte sie noch nicht gekommen sein, die Frau mit dem Licht im Herzen.

***

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Der Meister des dunklen Ordens strebt nach mehr Macht.

Er drängt seinen Lehrer, den Anführer der Riesen, ihm zu tieferen Erkenntnissen zu verhelfen und damit seine Macht zu vergrößern.

Doch der Riese weigert sich. Also fordert der Meister ihn zum Zweikampf heraus …

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BERNADETTE

Autorin mit Fantasybuch
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